Interview

Interview mit Marten Holzinger, Autor der Webseite einfachgefragt.com 

(19.04.2015):

1. Wie bist du zur Mentalmagie gekommen?

Ich komme von der klassischen Zauberkunst. Es ging bei mir im Grundschulalter mit einem Zauberkasten los und ich bin bis heute dabei geblieben. In der Oberstufe, kurz vorm Abitur, habe ich dann gemerkt, dass ich einige meiner Lehrkräfte sehr gut einschätzen konnte. Ich wusste oft schon vorher, welche Frage oder welche Schüleraufforderung als nächstes folgte. Deshalb habe ich die Psychologie mit der Zauberkunst verbunden und mich in die Richtung Mentalmagie entwickelt. Auch durch einige Fernsehsendungen ist die Mentalmagie in letzter Zeit sehr populär und dadurch auch für mich interessant geworden.

 

2. Wie lernt man das?

Die Mentalmagie ist eine spezielle Disziplin der Zauberkunst, bei der neben klassischer Zauberei auch psychologische Methoden, Suggestion, Wahrnehmungstäuschung, Intuition und viele andere mehr im Vordergrund stehen. Die genaue Mischung ist bei jedem Kunststück unterschiedlich und wird natürlich nicht verraten. Zum Erlernen dieser Prinzipien tauscht man sich zu großen Teilen mit Kollegen aus, die sich ebenfalls mit dieser Thematik beschäftigen. Außerdem kauft man Bücher und besucht Seminare. Die Mentalmagie erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Mit jedem Auftritt lernt man etwas Neues dazu, da jeder Zuschauer, mit dem ich ein mentales Experiment durchführe, eine individuelle Persönlichkeit darstellt. Übung macht also auch hier den Meister.

 

3. Kann das theoretisch jeder machen oder braucht man dafür ein besonderes Gespür?

Da keine übernatürlichen Fähigkeiten erforderlich sind, gehe ich prinzipiell davon aus, dass jeder die dahinterstehenden Methoden und Techniken erlernen kann. Aber so wie es viele verschiedene Aspekte gibt, kann nicht jeder alles – zumindest besonders gut – lernen. Ich könnte bestimmt Klavierspielen lernen, wäre allerdings niemals so begabt wie ein gewisser Mozart oder Lang Lang. Für die Mentalmagie braucht man eine ausreichende Willenskraft, genug Übung, Konzentration und Einfühlungsvermögen. Sie erfordert also Zeit und Geduld. Man sollte im Allgemeinen kommunikativ sein und offen genug, auf fremde Menschen zuzugehen. Letztendlich glaube ich auch, dass die Begeisterung an der Sache noch viel wichtiger ist als das eigentliche Talent.

 

4. Wie kommst du auf die Ideen für deine Experimente?

Man schaut sich einerseits sehr viel bei anderen Mentalmagiern ab und entwickelt dabei ihre Kunststücke weiter. Selbst entwickelte Experimente beginnen zunächst mit einer Idee, bei der schon klar ist, wie die spätere Präsentation aussehen soll. Dann tüftelt und probiert man, mit welcher vertrauten Methode man dieses Problem lösen kann. Viele Experimente stammen auch aus einer Zeit, in der man noch versucht hat, übersinnliche Fähigkeiten oder paranormale Ereignisse zu ergründen. Heutzutage macht man dies nicht mehr, aber manche Requisiten wie Würfel, ESP-Karten und Pendel stammen eben noch aus dieser Ära. Bei der Mentalmagie ist zudem der Präsentationsstil sehr wichtig, das heißt man muss sich vorher entscheiden, auf welche Art und Weise man ein mentales Experiment vorführen möchte, ob mit einer düsteren, mystischen Atmosphäre oder mit einer eher wissenschaftlich-psychologischen Herangehensweise. Wichtig ist mir immer, das Publikum bei allen Experimenten mit einzubinden.

 

5. Wie kannst du Leuten aus dem Gesicht ablesen was sie zum Beispiel gewürfelt haben? Woran merkt man das?

Ich lese es ja nicht alleine am Gesicht ab. Bei den meisten Experimenten hilft es mir zunächst herauszufinden, wie die Person, mit der ich das Experiment durchführe, normalerweise reagiert, wenn sie folglich die Wahrheit sagt. Ich achte dann später auf eine Veränderung zu vorher, suche eine mögliche Bedeutung, prüfe, ob die Haltung vielleicht daher kommt und schlussfolgere. Durch eine Abweichung der ursprünglichen Körperhaltung, Gestik, Lautstärke oder Betonung kann ich also auf bestimmte Dinge schließen, allerdings nur in bestimmten Grenzen. Deshalb nutze ich für das Würfel-Experiment weitere Techniken, die ich zwar verraten könnte, aber gerne für mich behalten möchte.

 

6. Inwiefern kannst du da Sachen erkennen? Geht das nur mit einfachen Gedanken oder auch mit komplexeren?

Für meine Show schaffe ich gewisse Bedingungen beziehungsweise Testvorraussetzungen, unter denen ich scheinbar die Gedanken meiner Zuschauer lesen kann. Das bedeutet auch, dass es mir nicht möglich ist wie in der bekannten Filmkomödie „Was Frauen wollen“ ganz tief in die Köpfe hineinzuschauen. Vielmehr benutze ich das Wissen über nonverbale Kommunikation sowie Methoden der Suggestion und Zauberei, um eine besondere Form der Unterhaltungskunst vorzuführen. Das geht dann auch mit komplexeren Gedanken, zum Beispiel kann ich unter bestimmten Umständen herausfinden, an welche Person oder welches Land jemand denkt. Dies dauert in der Regel aber etwas länger als ein einfacher Gedanke wie eine Zahl.

 

7. Funktioniert das mit allen Menschen oder gibt es auch welche mit Pokerface?

Es gibt Personen, die nicht so einfach durchschaubar sind. Wenn sich jemand unwohl fühlt, merke ich das aber zum Glück schnell. Diese Person würde ich auch auf keinen Fall für ein mentales Experiment zu mir nach vorne bitten. Mit Spaß und Offenheit geht es schon einmal sehr viel leichter. Menschen, die versuchen, mir es tatsächlich schwer zu machen, indem sie blocken, vergessen glücklicherweise andere Anzeichen, mit denen ich sie dann doch überführen kann. Jemand, der bewusst auf ein Pokerface setzt, achtet zum Beispiel weniger auf seine Fußstellung. Auch sogenannte notorische Lügner sind schwer zu erkennen, da sie schließlich selbst glauben, was sie sagen und damit die Wahrheit abdecken können. Glücklicherweise war die Anzahl der wirklich „schwierigen“ Menschen in meinem Publikum bis jetzt sehr gering.

 

8. Sind generell Männer oder Frauen leichter zu durchschauen?

Eindeutig Frauen. Wenn ich Frauen auf die Bühne hole, merke ich immer wieder, dass sie sich generell mehr als die Männer auf ein mentales Experiment einlassen. Sie sind offener und glauben auch überwiegend daran, dass es Phänomene gibt, die man nicht erklären kann. Dies geschieht natürlich ganz im Unbewussten. Das ist auch der Grund, warum ich – nicht nur aus natürlicher Gegebenheit heraus – lieber mit Frauen arbeite. Bei Männern herrscht oft ein kleiner Konkurrenzkampf, frei nach dem Motto „Dem zeig’ ich es jetzt!“. Dies kann ich mir allerdings wiederum zunutze machen, sodass hierbei witzige Szenen entstehen können.

 

9. Sind deine Fähigkeiten nur für die Experimente nützlich oder hilft dir das auch im Alltag um beispielsweise zu erkennen ob jemand lügt?

Sicherlich gibt es verschiedene Vorteile für mich im Alltag. Da ich hauptberuflich Lehrer bin, können mich meine Schüler nicht so einfach austricksen. Auch hilft es mir, mich selbst vor einer ungewollten Manipulation und Beeinflussung zu schützen oder diese gar eigenständig zu nutzen, um zum Beispiel Erfolg bei einem Vorstellungsgespräch zu haben. Mit gezieltem Einsatz der Körpersprache kann man tatsächlich andere mehr von sich überzeugen. Genauso klar mache ich aber auch, dass es bei diesen rein psychologischen Methoden klare Grenzen gibt und dass jede noch so eindeutige Methode getäuscht werden kann. Deshalb ist ein möglicher Vorteil für mich im Alltag gar nicht mein Hauptaugenmerk. Mein Ziel ist es vielmehr, meinen Zuschauern eine gute Show zu bieten.

 

10. Was macht dir Spaß an der Mentalmagie?

In unserer heutigen Welt gibt es nicht mehr so viele wissenschaftlich noch unerforschte Rätsel. Die Mentalmagie macht es möglich, Menschen mit einem Wunder zu konfrontieren. Ich möchte die Zuschauer mit meinen mentalen Experimenten zum Unterhalten und zum Staunen bringen. Das Erleben des Unmöglichen und das Wahrnehmen des Nichtrealen macht die Mentalmagie zu etwas Besonderem. Der Reiz an der Mentalmagie ist für mich vor allem die Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Menschen, besonders wenn sie sich fragen: Wo hört die Psychologie auf und wo fängt die Zauberkunst an? Immerhin ist der Gedanke, dass jemand in der Lage ist, ihnen in den Kopf zu schauen oder sie unbemerkt zu beeinflussen ja auch ein bisschen beängstigend.

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© Markus Heyer